Rosa Kammermeier

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Die Adobe Creative Residency

KICKSTART IN EIN KREATIVES LEBEN

 

VOR DER RESIDENCY

Ich erinnere mich ziemlich genau an meine Situation vor einem Jahr: Ich war gerade seit ein paar Monaten selbstständig als Grafik-Designerin. Plötzlich mitten drin im Freelancer-Leben, und irgendwie noch nicht so ganz angekommen. Teilweise Phasen mit ganz schön viel Leerlauf, und zwischendrin die Zweifel – bin ich wirklich gut, in dem was ich mache? Hebe ich mich genug ab? Wie mache ich auf mich aufmerksam? Soll ich überhaupt weitermachen? Genau in dieser Zeit wurde mir auf Facebook ein Artikel über das Förderprogramm der Adobe Creative Residency empfohlen. Es klang wie eine Verheissung, wie eine Fata Morgana in meiner kreativen Durststrecke: Ein ganzes Jahr kreativ sein, mich ausprobieren und meinen Stil finden, viel reisen, Konferenzen besuchen, finanziell abgesichert sein, mein eigenes Projekt realisieren. Mir war sofort klar, dass ich mich bewerben musste.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich ein kleines, persönliches Projekt gestartet: Es bestand darin, dass ich positive Sprüche auf Schaufenster malte: „Here comes the fun!“ und „Hate has no home here“ zierten im Januar zwei Münchner Schaufenster. Dieses Projekt bereitete mir sehr viel Spaß, brachte meine Leidenschaft, Typografie und Lettering in den öffentlichen Raum – und war die Grundlage für meinen Residency Projektvorschlag. 

 
 Pre-Walk-of-Happiness-Zeiten: Mein zweites Schaufenster

Pre-Walk-of-Happiness-Zeiten: Mein zweites Schaufenster

 

DIE BEWERBUNG

Als ich mich bewarb, rechnete ich nicht wirklich damit, dass ich angenommen werden würde. Doch auf meinem Schreibtisch herrschte sowieso eine Flaute, also hatte ich nichts zu verlieren. Ich versuchte meinem zwar schon angefangenen, aber konzeptlosen, kleinen Projekt einen roten Faden und mehr Inhalt zu verleihen. 

Mein Projekt sollte einen tieferen Sinn haben, und, wenn auch nur einen winzig kleinen, zumindest in irgendeiner Art und Weise, einen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. Es sollte die Bewohner meiner Stadt fröhlicher und positiver machen, es sollte Fremden das Gefühl geben, willkommen zu sein, es sollte zu einem freundlicheren und liebevolleren Leben in unserer Gesellschaft und somit zu einem sozialeren Miteinander führen. All dies verpackte ich in eine relativ knackige und kurze Beschreibung und packte als Beispiel Fotos der ersten zwei Schaufenster-Letterings und meine Portfolio-Webseite, meine Behance-Seite und mein Instagram-Profil dazu. Ab die Post! 

 

 

DER AUSWAHLPROZESS

Bereits wenige Tage später trudelte eine sehr kurze knappe Email ein: „We are happy you applied to the Creative Residency. My team likes your project proposal and is interested in learning more. Do you have time for a Skype call tomorrow? “ Ein Tag später dann direkt ein Skype Call. Auf Englisch. Von vielen Fragen war ich völlig überfordert, fühlte mich dabei aber nicht wirklich überzeugend, und schrieb das Ganze schon mal innerlich ab. 
Doch wenige Tage später: Eine weitere Email. Ich sollte eine Woche später ins Adobe Office in München kommen. Von 10 bis 17 Uhr. Ich erhielt einen sehr großen Fragenkatalog zu meinem Projekt und meinen Plänen für die Residency, den ich bereits im Voraus abgeben sollte. Also erstellte ich eine kleine Präsentation, diese enthielt ein Stylesheet, meinen Arbeitsablauf in der Residency und ein kurz angeschnittenes Design meiner Projektwebseite. 

 

Der große Interview-Tag war gekommen und meine Aufregung stieg ins Unermessliche: 7 Termine an einem Tag, auf Englisch, auf Deutsch, teils in eine Videoschaltung, teils persönlich. Und das alles mit einem Projekt, das ich mir erst wenige Wochen vorher total unbedarft aus den Fingern gesaugt hatte. Ich zweifelte, dass ich damit überzeugen konnte. 
Doch ich wurde so positiv und warmherzig empfangen, und die Gespräche inspirierten mich zu neuen, großen Ideen, man ermutigte mich, noch größer zu denken, und ich ging mit einem guten Gefühl nach hause. Wenigstens hatte ich es versucht, und ich hatte schon zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass meine Ideen, mein Stil und meine Person geschätzt werden. 
Ein Tag später: die Bestätigung, dass ich in die letzte Runde gekommen war: das finales Gespräch mit dem Chef der Creative Residency. Ein Telefonat. Auf Englisch. Panik! Vor dem Call arbeitete ich noch einmal mein Konzept aus, und aktualisierte meine Präsentation. Dann vergingen nochmal mehrere Tage, bis eine neue Mail eintrudelte: „I’ve got exciting news to share!“ Ein weiterer Skype Call und dann die Bestätigung.

 

ICH! CREATIVE RESIDENT! OMG!

Und ab hier ging die Fahrt schon rasant los. Ein Flug nach Berlin wurde gebucht, ein Video sollte gedreht werden. Eine Bestätigung, dass wir im Juni nach New York zur 99U fliegen durften. Die Ankündigung, dass wir in 3 Wochen auf der TYPO in Berlin sprechen (!!!) sollten. Dass wir ein paar Wochen später nach Paris fliegen und 3 Tage auf Adobe Live unseren Arbeitsprozess teilen sollten. 

 Mein Vortrag auf der TYPO Berlin

Mein Vortrag auf der TYPO Berlin

 Der Blick aus dem New Yorker Adobe Office

Der Blick aus dem New Yorker Adobe Office

All dies war völlig überwältigend, überfordernd, aber noch wichtiger: fordernd und fördernd. Wir wurden zwar direkt vor grosse, im ersten Anschein unbewältigenbare Aufgaben gestellt – doch niemals wurde unsere Kompetenz oder unser Können angezweifelt. Höchstes Vertrauens wurde in unsere Leistung gesteckt, und die Angst vorm Scheitern wurde uns genommen. Über dieses Jahr hinweg fand ich zu mir selbst: ich meisterte Aufgaben, von denen ich noch vor einem Jahr niemals gedacht hätte, dass ich sie jemals meistern könnte. Ich fand Vertrauen in meine Kreativität, in meine eigene Arbeit, und Zuversicht für meine kreative Zukunft. Ich traf inspirierende Menschen, ich sah faszinierende Städte und fand neue Inspirationen. Ich befand mich auch an Punkten, an denen mir alles einfach zu viel war, und an denen ich verzweifelte. Doch auch in diesen Momenten erhielt ich Rückhalt und Support, und erhielt alle Unterstützung und Motivation, die ich brauchte. 

 

MEIN PROJEKT: DER WALK OF HAPPINESS

Nachdem sich der erste Monat der Residency hauptsächlich um unseren grossen Talk in Berlin auf der Typo drehte, liefen dann im zweiten Monat so langsam die Vorbereitungen für meinen Walk of Happiness an. Ein Logo musste so bald wie möglich gestaltet, ein Corporate Design, eine Schrift und Farben gefunden, eine Webseite entwickelt werden. Wie sollte das Projekt aussehen? Bei so großer Freiheit war dies fast der schwierigste Part: nicht für einen Kunden und nach dessen Geschmack zu gestalten, sondern für sich selbst und nach seinen ganz eigenen Vorstellungen und Wünschen. Doch nach und nach formten sich meine Vorstellungen, mein Design entwickelte sich. 

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Meine erste Stadt sollte München werden, und somit machte ich mich auf die Suche nach Shops mit schönen Schaufenster, die bei meinem Projekt mitmachen wollten: Am Ende fand ich 10 Shops, die mit großer Begeisterung mitmachen wollten. Ich traf mich anschliessend mit ihnen und arbeitete in Zusammenarbeit mit ihnen die Sprüche aus, die dann die Schaufenster zieren sollten. Parallel gestaltete und illustrierte ich einen Stadtplan, stellte die Webseite online, gestaltete eine Schnitzeljagd, organisierte Preise für die Schnitzeljagd. Im September dann schließlich wurde der Walk of Happiness offiziell releast, ein Stadtplan, der umsonst in allen Stores auslag, zeigte den Teilnehmern den Weg und eine Webseite bot weitere Informationen. 

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Die erste Station des Walks of Happiness war also vollbracht – doch die zweite folgte sogleich: Las Vegas & die Adobe Max, schon wenige Wochen später – die Zeit war sehr knapp und alles musste im High-Speed-Modus gestaltet werden: neue Übersichtspläne, neue Letterings und ein neuer Flyer, eine aktualisierte Webseite.

 Der Walk of Happiness im Venetian, Las Vegas

Der Walk of Happiness im Venetian, Las Vegas

 

Eine sehr anstrengende Zeit für mich, die sich dann aber in Las Vegas umso mehr lohnte und auszahlte: 12000 Besucher, die meine Designs sahen und registrierten, hunderte neue Follower und unzählige Fotos und Posts von meinen Schriftzügen. Nun folgen noch 2 weitere Städte: Berlin und San Francisco. 

 

WAS KOMMT DANACH?

Auch nach der Residency werde ich wieder in die Selbstständigkeit zurückkehren – aber dieses Mal ohne all die großen Zweifel. Ich habe mehr Selbstvertrauen, in mich und in meine Arbeit, und Durchhaltevermögen erlangt, bin kommunikativer geworden und habe Kontakte geknüpft und neue Freunde gefunden. Die Adobe Creative Residency – mein Kickstart in ein kreatives Leben – und das beste, was mir jemals passieren konnte. 

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Die Bewerbung startet Ende Januar! Mehr Informationen zur Bewerbung findet Ihr hier:

Rosa Kammermeier